• Michael Keiner, gebildet, eloquent und ein Start am Pokertisch.

KundeLyceum Publishing, London

BLUFF EUROPE - deutschsprachig

Date September, 2007

Interview: Runner, Runner, Kläser
leer


Der deutsche Chris Moneymaker ist 21 Jahre alt. Bei seiner ersten World Series of Poker (WSOP) gewann er gleich sein erstes Bracelet - mit 0 $ Einsatz. Sein Name: Martin Kläser. Sein Weg, vom Onlinepoker an den Pokertisch. Er setzte sich bei der Fult Tilt Million Challenge 2008 gegen tausende Online-Qualifier durch, erspielte sich sein Ticket für Amerika und einen Platz im Team der Full Tilt Pros. Mit BLUFF EUROPE - deutschsprachig blickt Martin Kläser eine Woche nach seinem Erfolg zurück.

Volker Watschounek (BLUFF): Was für ein kometenhafter Aufstieg …
Martin Kläser (MK): Ich kann es irgendwie immer noch nicht fassen. Erst gewinne ich die Full Tilt Million Challenge, dann fahre ich mit nach Australien und jetzt gewinne ich ein Bracelet. Damit gehöre ich zu den sechs jüngsten Bracelet-Gewinnern aller Zeiten. Es läuft im Moment richtig gut.
BLUFF: Ich vergleiche Menschen nicht gerne, aber das klingt schon ein wenig wie die Geschichte von Chris Moneymaker.
MK: Ja schon, nur dass ich weniger als Chris Moneymaker eingesetzt habe. Wie war das? Er hat $ 26 Dollar in ein Satellite investiert - ich bin mit Zero gestartet.
BLUFF: Dein Einsatz waren NULL Euro?
MK: Ja genau. Ich habe mich online für die Full Tilt Million Challenge qualifiziert, habe in Köln das Live-Event gespielt und gewonnen, mich dann unter den Letzten durchgesetzt und in TV-Matches Heads-up gegen Chris Ferguson, Howard Lederer und Gus Hansen bestanden. Meine Siegprämie: Die Teilnahme an der WSOP - inklusive Reisespesen. (Anm. d. Red. Martin erhielt nach dem zweiten Heads-up der Full Tilt Million Challenge im Oktober außerdem einen Profi Vertrag angeboten.)
BLUFF: Das Finale im Event #43 hat am Fernsehtisch stattgefunden. War das ein Vorteil für Dich
MK: Das war für mich auf jeden Fall ein Vorteil. Ich stelle mich eben sehr gerne selbst dar und je mehr Leute zuschauen, desto höher ist meine Motivation. Ich habe auch schon früher immer gern Theater gespielt. Je mehr Zuschauer da sind, desto schüchterner sind meine Gegner und umso mehr drehe ich auf!

Erst mal ausruhen, dann feiern

BLUFF: Die letzte Hand war für Dich richtig befreiend. Niemand hatte mit Dir gerechnet. Das ist ein Wahnsinnserfolg. Gab es eine spontane Party?
MK: Wir wollten eigentlich feiern gehen - doch es war schon relativ spät und ich war einfach nur müde. Wir haben uns auf mein Zimmer zurückgezogen, haben uns dort eine Kleinigkeit gegönnt und sind dann etwas später friedlich eingeschlafen. Die Party haben wir dann ein paar Tage später nachgeholt.
BLUFF: Wer war bei dem spontanen Chill-out denn dabei? Deine Freundin?
MK: Meine Freundin war nicht dabei - die habe ich erst später hier in Las Vegas kennen gelernt. Mein Kumpel von Zuhause, Fabian, war dabei. Den Namen muss man sich übrigens merken … denn ich denke, auch ihm steht eine große Pokerkarriere bevor.
BLUFF: Eine Bracelet-Party zusammen mit den anderen beiden Bracelet-Gewinnern …
MK: Ja, die in einem der angesagtesten Clubs in Las Vegas stattfand - im Tao Club. Wir hatten dort einen Tisch für 30 bis 40 Leute bestellt und die ganze Nacht gefeiert. Das hat richtig eingeschlagen.
BLUFF: Du wurdest auch gleich in die Gruppe der Youngsters aufgenommen.
MK: Die Luckbox-Crew hat mich sehr supportet. Das sind 15 Deutsche und Österreicher, die Bewohner der Villa. Die sind immer zuvorkommend und wir verstehen uns super. (BLUFF: Wer wohnt denn alles im Luckbox-Haus?) Natürlich die Luckbox himself, Sebastian Ruthenberg, dann Nasr el Nasr, ein Pokerspieler aus Berlin, Alexander Jung, Nico Behling, Achter bei den Aussie Millions, Florian Langmann, Zweiter bei der EPT in London … eine große Anzahl guter Spieler, von denen ich viel lernen kann.
BLUFF: Heißt das, die Gruppe hat Dich gleich eingeladen und Dir das Coaching angeboten?
MK: Nein, ich bin einfach vorbeigekommen - ich kenne Nasr sehr gut. Das ist ein Kollege von mir, den ich in Berlin kennen gelernt habe. Ich habe Nasr auch schon für ein paar Monate in Berlin besucht und bei ihm in der Poker-WG gewohnt. In nahezu täglichen Sessions habe ich sehr viel Erfahrungen gesammelt - im Omaha oder Hold'em. Das kam mir in diesem Jahr zugute. (BLUFF: Ist da jetzt eine kleine Beteiligung fällig?) Nein! Mir wurde angeboten, dass ich immer vorbeikommen kann, in Berlin wie in Las Vegas - und in der Villa ist es eben sehr lustig.
BLUFF: Was ist das Besondere an der Villa?
MK: Sie ist groß, man hat einen Pool, ein Jacuzzi, eine Billard -Ausstattung, es sind einfach immer viele Leute da und die Stimmung ist immer super gut.

Neue Freunde und ein super Team

BLUFF: Du scheinst neue Freunde, ein neues Zuhause gefunden zu haben. Wirst Du im nächsten Jahr gleich von Anfang an mit in der Villa wohnen?
MK: Das weiß ich noch nicht. Das hängt davon ab, ob ich mich wieder für die World Series of Poker qualifizieren kann. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass ich mir im nächsten Jahr mit den Jungs zusammen eine Villa mieten werde: Schließlich habe ich so eine gute response von allen bekommen. Jeden Tag, den man in der Villa ist, ist lustig. Es sei denn, Full Tilt bezahlt mir wieder ein Zimmer im Rio. Dann werde ich doch lieber Fabian mitnehmen und eine schöne Zeit im Rio haben.
BLUFF: Zum Turnier, zu Deinen Gewinnen.
MK: Hier habe ich jetzt $216.000 gewonnen und bei der Full Tilt Million Challenge 350.000 Euro. (BLUFF:Rund eine Million Dollar!) Noch nicht ganz. Das ist aber mein Ziel. (BLUFF: Und wie viel ist davon noch übrig?) Genug für ein ganzes Leben.
BLUFF: Das heißt, das Geld wird Dich erst einmal nicht verändern. Du bleibst auf dem Boden der Tatsachen?
MK: Ja, auch nach dem Gewinn der Million Challenge verhalte ich mich nicht anders. Ich lebe immer noch so wie vorher, ich reiße immer noch dieselben blöden Witze und rede immer noch das gleiche wirre Zeug. Da hat sich nicht wirklich viel verändert.
BLUFF: Event #43, Pot Limit Omaha Hi-Lo. Du bist hier unwahrscheinlich stark aufgetreten. Wie war das genau?
MK: Das Turnier lief zu jedem Zeitpunkt gut. Ich habe das eine oder andere Mal sicher miracle Hände gehabt - mit denen ich in einer Heads-up Situation one-outer getroffen habe. Dann habe ich jemanden glücklich gescoopt. Ich hatte zwei glückliche Situationen, doch ich war im ganzen Turnier nicht einmal All-in. Vom Start weg hatte ich immer viel Chips und war vom Chipstand immer vorne dabei. Nachdem ich schon Tag Eins mit einem guten Chipcount abgeschlossen hatte, schloss ich auch Tag Zwei ganz vorne ab. Mit den drittmeisten Chips bin ich an den Final Table gekommen. (BLUFF: Gab es eine Key-Hand?) Ja, es gibt eine witzige Hand, an die ich mich lange erinnern werde: UTG (under the gun) limpt, middle position limpt, der Small Blind foldet zu mir. Damit erhalte ich im Big Blind ein Free play mit 2-T-T-K. Ich floppe ein Full House mit Zehnen über Zweien und habe sogar noch die 2 für mögliche Quads. Ich checke und slow play mein Full House, es geht check around und der Turn bringt eine Qualle, eine Dame. Jetzt setze ich, der UTG Mensch neben mir callt. Der middle position guy foldet. Es stellt sich heraus, dass der UTG-Limper Queens hatte. Also ich habe ihn auf dem Flop gehabt und er war auf zwei outs runter. Doch mit der Dame auf dem Turn hatte ich plötzlich nur noch ein out, weil er Q-Q-J-T hat. Er hat die Zehn, die ich zu Quad 10 brauche und ich habe nur noch meinen Ein-Outer für meinen Quad 2. Ich treffe auf dem River und mache einen Vierling 2er und er sitzt mit seinem Full House mit den Damen da. Wir haben uns gegenseitig ein bisschen todgeslowplayt, würde ich sagen. BLUFF: Du bist das eine oder andere Mal fassungslos aufgestanden, hast eine Runde gedreht, Dir das Bord noch einmal angesehen und dann kam der Ausbruch - vor Freude. MK: Ich musste ab und an aufstehen, weil ich sehr angespannt war. Und wenn ich die großen Pots gewonnen hatte, musste ich mir hin und wieder einfach Luft machen - hin und her laufen, um den Druck loszuwerden. Beim Hi-Lo muss man auch zweimal hinschauen - das Spiel ist derart kompliziert. Da passiert es schnell, dass man an irgendeiner Stelle was nicht richtig mitbekommt - und dann doch die Lo- oder die Hi-Hand gewinnt. Es gibt unwahrscheinlich viele Kombinationen.
BLUFF: Von Eddy Scharf habe ich gehört, dass Du das Spiel ein Jahr vorher noch gar nicht gespielt hast. Hast Du Dir für die WSOP ein Event herausgepickt und Dich speziell darauf vorbreitet?
MK: Ich habe einfach ein bisschen Poker gespielt. Wie gesagt, ich war in der WG in Berlin und habe dort sehr viel über theoretisches Poker gelernt. Max Bracht, der 18. bei den Aussie Millions geworden ist, hatte mich nach Berlin eingeladen. Doch richtig intensiv vorbereitet habe ich mich nicht.

Wünsche eines Überfliegers

BLUFF: Jetzt trägst Du Dein erstes Bracelet. Hast ein stattliches Polster auf Deinem Konto. Hast Du Dir nach Deinem Erfolg einen besonderen Wunsch erfüllt?
MK: Ich habe mir nicht wirklich etwas gegönnt (überlegt). Ich habe mir ein kleines Auto gekauft, den Ford Fiesta von meiner Mum. Daraufhin konnte sie sich ein neues Auto kaufen und das war schon ganz in Ordnung so.
BLUFF: Wie haben Deine Eltern auf Deinen Sieg reagiert?
MK: Meine Mutter hat sich tierisch gefreut, obzwar sie immer die Skeptische ist. Zu meinen Plänen sagt sie bloß, "Du spinnst doch, Du bist total verrückt." Ich sollte erst einmal was Vernünftiges lernen. Mein Vater dagegen ist total Nuts gegangen, er ist total ausgerastet und hat das im ersten Moment gar nicht gecheckt, weil ich ihn sehr früh morgens angerufen habe - und er ja eine Kneipe betreibt - und wahrscheinlich noch ein bisschen verschlafen war. Am Abend hat er mich dann zurückgerufen und mir gesagt "Martin, ich glaube wir müssen noch einmal ausführlicher telefonieren." Da hat er sich dann tierisch für mich gefreut.
BLUFF: Was sagen Deine Eltern dazu, dass Du pokerst?
MK: Wie gesagt, mein Dad ist auch mehr der Gambler. Er spielt Skat wie ein Besessener. Auch die ganzen anderen deutschen Kartenspiele beherrscht er wesentlich besser. Im Doppelkopf und im Skat macht er mich eiskalt fertig. Aber im Pokern bin ich ihm natürlich bei weitem voraus. Er findet es in Ordnung, dass ich pokere und sagt, das ist genau mein Ding und meint, ich soll genau da weitermachen. Meine Mum, wie halt Mütter sind, sagt: Mach was Vernünftiges, geh studieren … Man kennt das ja … Aber sie blockiert mich nicht. Sie ist eben nur skeptisch.
BLUFF: Martin Kläser privat - wo wohnst Du eigentlich?
MK: Ich wohne noch in einer 9er-WG in Rheinbach bei Bonn/Köln. Das ist meine alte Studenten-WG. Da werde ich jetzt auf jeden Fall so langsam mal ausziehen. (BLUFF: Ist das WG-Leben nichts für Dich?) Doch eigentlich schon. So ganz allein zu leben, da muss man schauen, wie man zurechtkommt. Das WG-Leben ist anders: Es ist immer jemand da. Es ist immer etwas los. Und es ist einfach cool, wenn Stimmung im Haus ist. Irgendwer hat immer Geburtstag. Außerdem darf man neun Mal grillen im Monat, neun Mal Party machen …
BLUFF: Weil neun verschiedene Parteien in der Wohnung wohnen?
MK: Ja genau, und das wird gnadenlos ausgekostet.
BLUFF: Was studierst Du?
MK: Ich studiere Chemie mit Materialwissenschaften, beziehungsweise ich habe das studiert. Ich denke nicht, dass ich jetzt an die FH Bonn Rhein/Sieg zurückkehren werde. Ich werde erst einmal weiter Poker spielen, mich voll darauf konzentrieren. Und wenn es noch etwas Interessantes gibt was ich machen will, dann werde ich das halt einfach machen. Die Möglichkeit habe ich ja jetzt.

Blick in die Zukunft

BLUFF: Wie sehen Deine nächsten Pläne aus?
MK: Ich mache keine konkreten Pläne. Ich plane nicht weit in die Zukunft. Ich gucke einfach, was passiert und mache das Beste daraus.
BLUFF: Wie geht es pokertechnisch weiter? Du wirst das Main-Event spielen …
MK: Ja, genau. Das Buy-in dafür habe ich ja gewonnen. Wie es nach der WSOP weiter geht, da habe ich noch keinen Plan. Wie gesagt, ich lasse es auf mich zukommen. Ich höre, hey, da ist ein Turnier, und fliege dann einfach dorthin. Von Zeit zu Zeit spiele ich auch im Casino Aachen. Da gibt es ganz nette 200 Euro Buy-in Turniere. Venlo liegt ja auch bei uns. Da musst Du nur einfach über die Grenze hüpfen und sitzt in guten Partien. Ich bin eh mehr der Fan von Live-Cashgame oder Live-Poker.
BLUFF: Hast Du eine Freundin? Pokert sie auch?
MK: Ja, seit Kurzem. Ich habe hier in Las Vegas eine wunderschöne Frau kennen gelernt. Eine Hamburgerin, die gerade Bagpackt durch die Welt, war zufällig hier mit einem Kollegen von mir. (BLUFF: Das soll jetzt keine Singleanzeige werden …) Hätte man dahingehend ausweiten können. Vor ein paar Wochen hätte ich das noch gerne mitgemacht - doch jetzt ist es zu spät. Mich hat es voll erwischt.
BLUFF: Das heißt, von Las Vegas führt Dich Dein Weg direkt nach Hamburg?
MK: Leider nicht. Sie kommt erst am 30. Juli wieder. Also muss ich noch einen Monat warten, bis ich Sie dann wiedersehen kann.
BLUFF: Las Vegas, Du bist zum ersten Mal in Sin City … wie bist Du unterwegs, was nimmst Du mit … planst Du etwas …
MK: Wenn Fabian und ich rausgehen, dann fahren wir einfach mit dem Taxi auf den Strip und schauen, was der Tag so bringt. Wir steigen dann meistens am Bellagio aus und laufen über den Strip. Las Vegas ist eine wunderschöne Stadt, einfach unglaublich. Das hat man noch nicht gesehen.
BLUFF: Was fasziniert Dich am meisten, welche Favoriten hast Du?
MK: Jedes Casino hat irgendetwas Besonderes. Das MGM hat einen Löwen, ist riesengroß, hat ein Urwaldrestaurant. Das Bellagio - wer Ocean's Eleven gesehen hat, der kennt die Szene mit dem Wasserspiel. Das haben wir uns natürlich auch schon angesehen, nachts.
BLUFF: Spielst Du auch viel Cashgame?
MK: Hier in Vegas? Ja, die Touristen lassen Ihr Geld schon relativ freiwillig bei einem, und dass möchte man dann nicht missen. Die Swings sind aber auch hier deutlich zu spüren. Ab und an sitzen halt doch nicht nur Fische am Tisch :-)
BLUFF: Pokerspieler und Seitenwetten. Der eine setzt auf einen Schlag beim Golf, der andere einfach nur darauf, ob das nächste Auto von rechts gelb oder rot ist.
MK: (Lacht) Oh Gott, ich habeschon so viel gewettet hier in Las Vegas. Ich habe schon $ 100 verloren, weil ich darauf gesetzt habe, dass Holland Europameister wird; jedes Bowling Spiel, das wir spielen geht um Geld, jedes Billardspiel, jedes Dartspiel. Wir spielen um alles, aber auch wirklich alles - Schere, Stein, Papier - sei es die Taxifahrt, sei es das Essen. Jeder kennt die Show mit Phil Laak und Antonius Esfandiari "I bet you". Ich sag ein Alter, der andere sagt jünger oder älter, und wer dann richtig liegt, bekommt $20.
(BLUFF: Liegst Du vorne oder hinten?) Die wichtigen Flops haben die anderen gewonnen. Beim Wetten liege ich hinten, im Spiel liege ich vorne.

Vielen Dank für das angenehme Gespräch. Ich wünsche Dir für Deinen weiteren Weg und Deine neue Beziehung alles Gute. Shuffleup and Deal.

Der Text ist auf in dem Fachmagazin BLUFF EUROPE - deutschsprachig erschienen.